Die BA zum 80. Geburtstag Helmut Kohls

Wer Helmut Kohl lediglich als Machtmensch charakterisiert, als jemanden, der der Macht und seinem Machterhalt alles unterordnete, wird ihm nicht gerecht. Dies erkennt man schon daran, dass er sich, dabei seiner Überzeugung folgend, mehr als einmal gegen die öffentliche Meinung und gegen die Mehrheit der Wähler stellte und damit ein nicht geringes Risiko einging; so 1982/3 als er den NATO-Doppelbeschluss gegen massive Widerstände durchsetzte, so Anfang der 90er Jahre, als er genauso mit der Einführung des Euro verfuhr. Auch der Vorwurf des Reformstaus am Ende seiner Kanzlerschaft ist, bei Licht betrachtet, unberechtigt. Noch 1996 und 1997 wurden Reformversuche unternommen, dass diese an der rot-grünen Bundesratsmehrheit scheiterten, kann man Kohl nicht vorwerfen. Sehr wohl kann man ihn aber dafür kritisieren, dass die Reformversuche zu spät kamen. Nichtsdestotrotz, sie kamen, waren durchaus auch mit Einschnitten verbunden und hatten gerade deshalb auch ihren Anteil an der Wahlniederlage 1998. Kohl hat dies in Kauf genommen.

Helmut Kohl war ein Patriot. Der Imperfekt gilt dabei wie im Folgenden dem aktiven Politiker Kohl, nicht dem Menschen Helmut Kohl. Seine erste Verpflichtung galt Deutschland. Dessen Zukunft, dessen Bestimmung sah Kohl in einem geeinten Europa, in dem die Völker in Frieden und Freundschaft zusammenleben, wobei sich dies nicht nur auf Franzosen, Belgier, Niederländer, Spanier, Italiener oder Polen und Tschechen bezog, sondern auch auf Russland und die USA. Dies war Kohls Vision, eine Vision, die er natürlich erst entwickelte, als die sich wandelnden Verhältnisse eine solche Vision überhaupt erst realistisch erscheinen ließen, die er dann aber umso konsequenter verfolgte.

Kulturell war der Politiker Kohl konservativ. Manche gesellschaftliche Entwicklung mag er missbilligt haben und er sah keinen Grund, diese auch noch zu fördern. Aber er stellte sich ihnen auch nicht entgegen. Er tolerierte sie, was ihm von betont konservativer Seite den Vorwurf der Beliebigkeit oder der Prinzipienlosigkeit einbrachte. Eine Linksentwicklung der CDU, wie sie von manchen seiner (ehemaligen) Mitstreiter verfochten wurde, lehnte er aber ab. Zum einen, da dies seinen persönlichen Überzeugungen widersprach, aber auch, weil er erkannt hatte, dass darin kein Gewinn für die Union läge. Die Entwicklung seit seinem Ausscheiden aus dem Bundesvorsitz der CDU hat ihn darin eindrucksvoll bestätigt.

Was man Kohl vorwerfen kann, ist eine mangelnde Entschlossenheit bei der Reform des deutschen Sozialstaates. Da es Kohl an anderer Stelle nicht an Beharrlichkeit und Tatkraft mangelte, kann vermutet werden, dass es ihm an diesem Punkt vielleicht schlicht an ökonomischem Verstand und an der nötigen Weitsicht fehlte. Nichtsdestotrotz fielen auch in seine Regierungszeit Reformen, so die Stoltenbergsche Finanzreform in den 80er Jahren und die versuchte Steuerreform 1997.

Schließlich zur Parteispendenaffäre. Empörung bei den einen, Kopfschütteln bei den anderen rief Kohls mit einem gegebenen Ehrenwort begründete Weigerung hervor, die Namen der Spender zu nennen. Im Gesamtzusammenhang betrachtet, erweisen sich jedoch jene Elemente der Kohlschen Persönlichkeit, die ihn veranlassten, ein gegebenes Ehrenwort über das geltende Gesetz zu stellen, als eben jene Elemente, die ihm seinen Aufstieg und seine größten Erfolge ermöglicht hatten. Der zentrale Gedanke des Politikers, des Technikers der Macht, Kohl war Loyalität. Von seinen Weggefährten forderte er bedingungslose Loyalität und er beantwortete diese mit ebenso bedingungsloser Loyalität – ohne Rücksicht auf die daraus möglicherweise entstehenden Konsequenzen. Mit der gleichen Kompromisslosigkeit reagierte er allerdings umgekehrt auch auf (manches Mal auch nur vermeintlich) mangelnde Loyalität. Auch Härte gegen den politischen Widersacher schloss dies nicht aus, im Gegenteil. Es waren diese Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die ihm seinen Aufstieg zum Vorsitzenden der CDU und Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ermöglichten. Und diese Betonung der persönlichen Beziehung, der Freundschaft und der Loyalität waren es, die es ihm ermöglichte, die tiefen Vorbehalte bei den Staatsmännern der Welt gegen eine Wiedervereinigung Deutschlands zu überwinden und so die Einheit Deutschlands zu ermöglichen.

Es sind Eigenschaften, die heute womöglich archaisch und wie aus einer vergangenen Welt erscheinen, die uns aber nichtsdestotrotz auch Achtung abverlangen und die Helmut Kohl zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten Nachkriegsdeutschlands und -europas machen. Die Bürgerliche Allianz wünscht Helmut Kohl vor allem Gesundheit, aber auch ein noch langes, glückliches Leben mit seinen Lieben.

PS: Eine sehr gelungene Würdigung des Kohl-Geburtstages finden Sie auch hier

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